Technische und administrative Hürden für den Bahnverkehr

Studien gehen davon aus, dass der Güterverkehr trotz Wirtschaftskrise bis zum Jahr 2020 stetig weiter wachsen wird. Dabei nehmen die Streckenentfernungen Jahr für Jahr zu. Ein Beispiel: Europas Häfen gewinnen weiter an Bedeutung und mit ihnen das Transportaufkommen zwischen den Meer-Anrainerstaaten und dem Binnenland. Für den Schienenverkehr bedeutet dies Chance und Herausforderung zugleich. Denn wer wachsende Warenströme innerhalb der Europäischen Union effizient bewältigen will, muss grenzüberschreitende Strecken nahtlos befahren können. Doch hier gibt es nach wie vor technische und administrative Hürden.

Modalsplit beim Transport von Gütern

Quelle: EU energy and transport in figures 2009

Eine Hypothese lautet: Das Transportgut sucht sich immer die jeweils wirtschaftlichste Transportlösung. Demnach deutet der Rückgang des Anteils der Schiene am Gesamtverkehr in der EU auf klare wirtschaftliche Nachteile der Schiene, insbesondere gegenüber der Straße hin (s. Tabelle). Je nach Relation ist der Anteil des Schienengüterverkehrs noch geringer. Beispiel: Polen Ost-West-Verkehre: bisher nur 5 % über die Bahn. Die Gründe hierfür (insbesondere im grenzüberschreitenden Verkehr) sind im Vergleich zum LKW.

Hürden in der Übersicht

Technische Hürden

Kommerzielle und
administrative Hürden

Verschiedene Stromsysteme

Verschiedene Signalsysteme

Verschiedene Spurweiten

Verschiedene Lichtraumprofile

Verschiedene Zugfunksysteme

Verschiedene Signalbilder

Verschiedene Stromabnehmerbreiten

Verschiedene Vorschriften
bzgl. der Zugkriterien

Verschiedene Sprachen

Unterschiedliche, bahninterne
Betriebsvorschriften

Unterschiedliche
Sicherheitsanforderungen

Unterschiedliche Systeme
für Wagendisposition
und Sendungsverfolgung

Unterschiedliche Tarifsystematiken

Schwach harmonisierte,
nationale Zulassungsverfahren


Vier inkompatible Spurweiten

Mögliche Lösungsansätze sind Spurwechseldrehgestelle, die hauptsächlich bei Triebzügen und Waggons zur Anwendung kommen, bzw. Lokwechsel.

Fünf inkompatible Spannungssysteme

Die Problematik fünf inkompatibler Spannungssysteme lässt sich über Leistungselektronik realisierte Mehrsystemlokomotiven lösen. Für Lokhersteller ergibt sich daraus die Anforderung eines intelligenten Mehrsystemkonzepts.

Mehr als 20 inkompatible Zugsicherungssysteme

Hierfür hat die EU bereits eine Lösung erarbeitet: die ERTMS*-Korridore. Daraus ergibt sich die Anforderung an Lokhersteller: Bereitstellung intelligenter Zugsicherungskonzepte für heute und morgen.

* European Rail Traffic Management System

Kapazitätsengpässe auf vorhandener Infrastruktur

Kapazitätsengpässe auf vorhandener Infrastruktur gibt es in mehreren Ausprägungen. Hierzu gehören sowohl überlastete Strecken als auch ungenügende Kapazitäten in den Terminals, Beispiele in Deutschland sind:

  • Rheinstrecke

  • Frankfurt – Würzburg – Nürnberg – Passau

  • Abfuhrstrecken Hafen Hamburg

Lösungen (u. a.):

  • Neubau (Strecken, Terminals etc.)

  • Ausbau (Strecken, Terminals etc.)

  • Verlagerung des Verkehrs auf andere Strecken

  • Trennung von Güter- und Personenverkehr (siehe Projekt New Opera)

  • Erhöhung der Kapazität durch Erhöhung der Frequenz der Züge (Moving Block)

  • Erhöhung der Zuglängen und der Anhängelasten

Folgerung für Lokhersteller ist die Ermöglichung längerer Züge durch:

  • hohe Antriebsleistung

  • hohe, übertragbare Zugkraft

  • intelligente Schlupfregelung

  • Realisierbarkeit von Mehrfachtraktion

  • Möglichkeit, Mittelpufferkupplung für Langzüge einzusetzen


Weitere technische Hürden

Quelle: TREND-Projekt

Weitere technisch bedingte Unterschiede in den einzelnen Ländern sind z. B. Lichtraumprofil, zulässige Achslasten, Zuggewichte und Zuglängen. Beispielhaft ist das in der nebenstehenden Abbildung anhand einer Zugverbindung von Frankfurt/Oder nach Madrid dargestellt.

Administrative Barrieren

Komplexe Zoll- und Sicherheitsanforderungen, nationale Zulassungsanforderungen und Sprachbarrieren erschweren den grenzüberschreitenden Verkehr. Lösungen sind: zwischenstaatliche Abkommen, Cross-Acceptance-Regelungen sowie Schulungen für Lokführer. Lokhersteller mit internationaler Erfahrung und Zulassungskompetenz können Betreiber dabei immens unterstützen. Ebenfalls von Vorteil: Mehrsprachige Displays und einheitliche Führerstände.