Schienenrad mit digitalem Layer

«Shit happens»

Was Siemens unternimmt, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten

Datum: 18.11.2020

Autor: Dirk Bödeker, Country Business Unit Head

 

Siemens Mobility steht weltweit für exzellente Qualität in seinen Produkten und Projekten. Jedes Jahr investieren wir Millionenbeträge, um unsere Systeme und Produkte noch besser zu machen. Das Ergebnis sind Produkte und Anlagen, die auch im täglichen Dauereinsatz enorm zuverlässig funktionieren. Dennoch kommt es trotz ausgezeichneter Ingenieurskunst vor, dass ein Produkt vorzeitig ausfällt oder eine Software einen noch unentdeckten Fehler ausweist.

 

Jeder kennt es aus dem eigenen Haushalt. Gleich ob Kaffeemaschine, Auto oder das neue Mobiltelefon, man erwartet, dass es klaglos seinen Dienst verrichtet und ärgert sich über jede unvorhergesehene Störung. Und je höher der Preis ist, desto grösser werden die Ansprüche.

Kommt es zu einer Störung, ist rasche, unkomplizierte Hilfe wichtig. Zumal unsere Kunden zwingend auf die korrekte Funktion ihrer Fahrzeuge und Anlagen angewiesen sind. Fällt eine Weiche ungeplant aus oder zeigt ein Gleisstromkreis trotz freier Strecke einen belegten Abschnitt an, kann die Fahrstrasse nicht mehr automatisch einlaufen. Im hochbelasteten Schweizer Bahnnetz bedeutet dies häufig Zugverspätungen, schlimmstenfalls verpasste Anschlussverbindungen und unzufriedene Fahrgäste. Auch bei Fahrzeugen stört der Ausfall eines Teilsystems oft den geplanten Betrieb. Fällt zum Beispiel bei einer Vectron das Diesel-Power-Modul aus, muss vor Ort eine zusätzliche Rangierlokomotive eingesetzt werden. Neben zusätzlichen Kosten bedeutet dies häufig auch einen Zeitverlust.

Warum dauert die Störungsbehebung so lange?
Steht ein Fahrzeug oder eine Anlage wegen einer Störung nicht für den geplanten Betrieb zur Verfügung, bezeichnet man die Zeit vom Auftreten bis zur Behebung der Störung als MTTR (mean time to repair).

Darin eingeschlossen sind diverse Tätigkeiten:

  1. Fehlererkennung
    Tönt trivial, aber wie erkennt man rechtzeitig eine defekte Glühlampe, wenn das Signal nur sehr selten benutzt wird?
  2. Fehlereingrenzung
    Der gestörte Weichenumlauf kann durch einen Stein zwischen Zunge und Stockschiene verursacht sein oder aber durch einen Defekt im ECC-Rechner.
  3. Fehlerortung
    Hier zeigt sich das nächste Problem: Weiche und ECC-Rechner im Stellwerk können sehr weit voneinander entfernt sein. Wohin soll der Techniker fahren und welche Ersatzteile und Werkzeuge braucht er?

Ganz wichtig, geht aber trotzdem gerne vergessen: Der Kunde muss wissen, welche Ersatzteile es gibt und wo er diese so schnell wie möglich bekommt. Auch ist die Ausbildung der Techniker und die Ausstattung mit den richtigen Werkzeugen zu beachten. Heute bedeuten Werkzeuge, neben Drehmomentschlüsse und Kneifzange, auch verschiedenste IT-Diagnose- oder Konfigurations-Tools. Durch die Zentralisierung der Steuerung mit Hilfe von Iltis sind viele Bahnhöfe schon lange nicht mehr besetzt. Konnte früher ein Fahrdienstleiter noch «schnell» zur Weiche laufen und schauen, ob vielleicht ein Stein den Umlauf blockiert, ist heute ein Instandhaltungsteam für eine Reihe von Bahnhöfen verantwortlich. So kommt es, dass sich die Zeit bis zur Störungsbehebung – trotz der viel zuverlässigeren Produkte – seit Jahren nicht wesentlich verringert hat.

Wie unterstützen wir unsere Kunden bei der schnellen Störungsbehebung?
Zunächst ist es wichtig, mittels Online-Diagnose einen Fehler schnell zu erkennen und möglichst gut einzugrenzen. Unsere Erfolge am Gotthard- und neu auch beim Ceneri-Basistunnel zeigen, dass dies ein grosses Kundenbedürfnis ist.

Schon seit Jahren organisiert die Technical Academy technische Schulungen, um unsere Kunden mit unseren Produkten und Anlagen vertraut zu machen. Des Weiteren bekommt jede unserer Anlagen für die Erstausstattung ein Ersatzteilpaket, um im Falle eines Falles gerüstet zu sein. Für Reparaturen und zusätzliche Ersatzteile können sich unsere Kunden an die Kollegen vom Customer Service wenden. Dazu ist es wichtig, dass Kunden und Siemens die Ersatz- und Reparaturteile kennen, Anleitungen und Testsysteme vorhanden sind und bestenfalls sogar schon eine Ahnung haben, welche Teile häufiger einen Fehler aufweisen. Dazu hilft die sogenannte MTBF (mean time between failure), die aussagt, wie lange es durchschnittlich dauert, bis eine Komponente eine Fehlfunktion aufweist.

Mit dem Einsatz von «Künstlicher Intelligenz» oder «Maschinellem Lernen» gehen wir einen Schritt weiter. Durch regelmässige Überwachung der Anlagen, Speicherung und Auswertung der dabei entstehenden Daten lässt sich das Verhalten einer Weiche oder einer Baugruppe «vorhersehen». Ganz ähnlich wie bei einer Wettervorhersage werden viele verschiedene Daten miteinander verknüpft und analysiert. Geeignete Modelle generieren Vorhersagen und mit hoher Zuverlässigkeit informiert das System den Servicetechniker darüber, dass Weiche 305 im Vorbahnhof Zürich am Nachmittag eine Störung aufweisen wird.

Zauberei? Vielleicht!
Erwiesen ist, dass es funktioniert. Und besser als die alte Wetter-Weisheit «Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist», ist die so generierte Vorhersage allemal.

Es gibt weiteres Potenzial!
Ist der Techniker erst einmal vor Ort, braucht er ein Produkt, welches sich schnell und einfach reparieren lässt. Helfen können auch eine einzige Schraubenart, anstelle eines Mixes von Schlitz-, Kreuz- und Inbusschrauben, leicht zugängliche Stecker für die Diagnose und Barcodes auf der Frontseite und nicht auf der Platine versteckt.

Ebenso hilfreich sind Dokumentationen, die den Austausch von Baugruppen schnell und übersichtlich erklären, vielleicht sogar mit einem Link zu einem Video auf Youtube? Was oder wer hindert uns daran, unsere Produkte mit einem QR-Code zu versehen, der auf eine Internetseite mit weiterführenden Informationen führt?

«Plug & Play» von Microsoft anfangs belächelt, bei Apple immer schon Standard und bei Siemens Mobility erst vereinzelt zu finden. Ersatzteile, die sich selbst konfigurieren, anstelle dass ein Servicetechniker dies bei Wind und Wetter selbst machen muss, verkürzen die Reparaturzeit und sorgen dafür, dass Waren und Passagiere pünktlich ihr Ziel erreichen.

Vermutlich haben wir schon heute die zuverlässigsten Produkte auf dem Markt. Der nächste Schritt sollte die Erhöhung der Nutzerfreundlichkeit auch nach der Auslieferung sein.