Novara Instandhaltungswerk SBB Cargo International

Novara-Muttenz einfach mit Vectron

SBB Cargo International
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Datum: 11.02.2020

 

Novara – der westlich von Mailand im Piemont gelegene Ort zählt rund 100 000 Einwohner und hat sich mit landwirtschaftlichen Produkten einen Namen gemacht. Novara ist allerdings auch der Ort, an dem das grösste, der insgesamt neun italienischen Instandhaltungswerke der Siemens Mobility steht und in dem im Rahmen eines Fullsservice-Vertrages die aktuell 18 Vectron-Lokomotiven der SBB Cargo International gewartet werden. 

 

Zwischen Dezember 2019 und Ende Juni 2020 kommen weitere 20 Lokomotiven für den Korridor Niederlande-Italien dazu. Diese bestellte das Schweizer Unternehmen im Sommer 2019 bei Siemens Mobility.   

 

Im Industriegebiet von Novara hat sich Siemens Mobility, in nächster Nähe zum hiesigen Rangierbahnhof, in eine Lokwerkstatt eingemietet. Der Entscheid für diesen Standort war unter anderem der Lage an der Simplon-Lötschberg-Achse geschuldet. 2016 starteten die Mitarbeitenden mit ihrer Arbeit an den Lokomotiven. Auf den zwei Gleisen der Werkstatt arbeiten sie in der Regel an vier Fahrzeugen gleichzeitig.

 

Korrektive und präventive Instandhaltung 

 

Die acht Mitarbeitenden um Werkstatt-Chef Claudio Mazziotta führen alle korrigierenden und präventiven Instandhaltungsarbeiten aus. Der Fokus liegt auf drei Baureihen, und zwar der ES64F4 BR189/Re474, Vectron BR191 sowie den Vectron BR193. Neben den Servicetechnikern in Novara gibt es zusätzliche zehn Mitarbeitende, die sich auf sieben 

kleinere Werkstätten in Asti, Bologna, Bozzolo, Verona St. Lucia, Udine und Süd Nola bei Neapel verteilen. Eine weitere Anlaufstelle entsteht in Domodossola. Dort öffnen sich ab Mitte des kommenden Jahres die Werkstatttore für die Fahrzeuge unserer Kunden. 

 

Vectron-Lokomotiven müssen alle 30 000 km in den „kleinen“ Service – mit 150 000 km Laufleistung ist eine grosse Wartung vorgeschrieben. Neben den Sichtkontrollen können eine Vielzahl der Befindlichkeiten des Fahrzeugs über Diagnose-Tools vor Ort und „remote“ noch vor dem Eintreffen der Lokomotive ausgelesen werden. Die meisten Ersatzteile ordern die Italiener deshalb „on demand“ in unserem World Distribution Center in Deutschland. Bis  17 Uhr in Rodgau bei Frankfurt am Main bestellt, treffen die Teile am Folgetag per Kurier in Italien ein. Diese Geschwindigkeit macht eine grosse Lagerhaltung obsolet. 

 

Möglichst schnell sollte auch die Instandhaltung abgewickelt werden, denn Geld verdient SBB Cargo International logischerweise nur dann, wenn ihre Lokomotiven Güterwagen durch die Schweiz, Italien, Deutschland und die Niederlande ziehen. Bei den 30 000 km-Intervallen dauert der Service zirka einen Tag. Mit diesem Turnus sind die Fahrzeuge des Unternehmens zirka alle zwei Monate in Novara. Aktuell spielen die Techniker bei den Vectron-Lokomotiven ein neues Software-Update ein. Da im Anschluss verschiedene Tests nötig sind, veranschlagt man für diese Arbeiten eine dreitägige Verweildauer in Novara.

Damit keine unnützen Standzeiten entstehen, ist im Vorfeld eine bestmögliche Planung und Einteilung unabdingbar. Hierfür arbeiten die Flottenmanager der SBB Cargo International und Siemens Mobility ausgesprochen eng und gut zusammen.

 

Prädikat wertvoll 

 

Paolo Picchizzolu, Customer Service Manager von Siemens Mobility in Mailand betont: „Eben genau dieses Zusammenspiel ist es, was die Besonderheit der Auftragsabwicklung mit SBB Cargo International ausmacht. Gibt es Schwierigkeiten, geht man diese gemeinsam als Team an.“  

Amedeo Coletti, Leiter Instandhaltung von SBB Cargo International bestätigt: „Eine starke Partnerschaft ist mir sehr wichtig. Ich sehe Herausforderungen als Chancen, um gemeinsam daran zu wachsen.“  

Novara. Paolo Picchizzolu erklärt: „Wir haben die Halle, die an unsere bestehende Werkstatt angrenzt, dazu gemietet. Nach umfangreichen Arbeiten am Gebäude stehen ab Ende 2020 sechs weitere Fahrzeug-Arbeitsplätze zur Verfügung. Um unsere Kapazitäten zu erhöhen, möchten wir die Belegschaft in den kommenden zweieinhalb Jahren verdoppeln. Zudem haben wir dem Kunden Gehör geschenkt. Wenn möglich, erfüllen wir den Wunsch des Kunden nach einer Waschanlage und realisieren diese im Zuge der Erweiterungsmassnahmen.“

SBB Cargo International

Der Traktionär wurde 2010 gegründet und beschäftigt rund 900 Mitarbeitende in vier Ländern. Das Dienstleistungsunternehmen bedient den Güterverkehr auf der Nord-Südachse zwischen den Nordhäfen und Italien. Mit einem Jahresumsatz von rund 300 Mio. Schweizer Franken schreibt das Unternehmen seit 2014 schwarze Zahlen und ist mit ca. 40% Anteilen Marktführer im transalpinen Verkehr durch die Schweiz. 11356 Millionen Nettotonnenkilometer spulen die aktuell 130 Lokomotiven jährlich ab – Tendenz steigend! SBB Cargo International transportiert für seine Auftraggeber hauptsächlich im kombinierten Verkehr. Übernimmt also vom Auftraggeber fertig zusammengestellte Güterzüge und transportiert diese von A nach B.  

 

In Gallarate, nordwestlich von Mailand, befindet sich die italienische Einsatzleitzentrale von SBB Cargo International sowie der Verladeterminal der Hupac. Mit ca. 60% des Umsatzes ist dieses Logistikunternehmen der Hauptauftraggeber des Bahnbetreibers.

 

In der hiesigen Leitzentrale kümmern sich die Mitarbeitenden von SBB Cargo International um das Finalisieren und die Detailorganisation der von der Hauptzentrale in Olten geplanten Fahrten. Rund um die Uhr sitzen zwei bis drei Mitarbeitende an ihren Bildschirmen. Als verlängerter Arm der Schweizer Hauptzentrale sind sie Ansprechpartner für Lokführer, Infrastruktur-Leitzentrale und Auftraggeber vor Ort. 

Während der Güterverkehrs-Rush-Hours, zwischen 18 und 22 Uhr, starten an Werktagen alle 50 Minuten Züge der SBB Cargo International vom lombardischen Güterumschlagsplatz in Richtung Norden. In der Regel wissen die Lokführer nicht, was sie transportieren. Für die Frachtpapiere ist der Auftraggeber zuständig und sie werden in einem verschlossenen Umschlag übergeben. Was allerdings relevant ist, sind die Anhängelast und die Länge des Zuges. Die Last bestimmt den Bremsweg, der wiederum über die Geschwindigkeit entscheidet, mit der die einzelnen Streckenabschnitte befahren werden können. 

 

Güterverkehr auf der Nord-Süd-Achse

 

In Italien sind zwei Lokführer Pflicht. Einige an die Schweiz angrenzende Streckenabschnitte sind von dieser Pflicht entbunden. So fährt man zum Beispiel von Gallarate bis Luino mit Doppelbesetzung, ab dort ist nur noch ein Lokführer an Bord. Immer zu berücksichtigen ist, dass Lokführer maximal fünf Stunden lang ohne Unterbrechung fahren dürfen. Deshalb wird zum Beispiel der Lokführer bei einer Fahrt von Gallarate nach Basel bereits in Bellinzona gewechselt. 

 

Einer von den Lokführern, die die Strecke Bellinzona-Basel befahren, ist Marcel Franck. Ein aufgestellter junger Mann mit Leidenschaft für seinen Beruf. Die Ruhe und die Eigenverantwortung, die er im Führerstand hat, wiegen laut seiner Aussage die nächtlichen Arbeitszeiten bei weitem auf.

 

Begeisterung für Vectron

 

Marcel Franck ist begeistert von den Vectron-Lokomotiven. Nachdem die anfänglichen Kinderkrankheiten behoben wurden, ist das eindrückliche Steckenpferd ein zuverlässiger Begleiter, der ihm einen ausgesprochen sicheren und pünktlichen Feierabend beschert. Nachgefragt, was die häufigsten Störungen bei einer Lok sind, erklärt Amedeo Coletti: „Der grösste Teil der Störungen gehen von den im Fahrzeug verbauten Sicherheitseinrichtungen aus.“

Die geringe Lärmimmission im gut isolierten Cockpit und die enorme Laufruhe fallen sofort auf. Das Beschleunigen an einer Steigung entlockt dem Kraftpaket nur ein müdes Lächeln. Bedenkt man, dass eine Lok umgerechnet rund 600 Autos hinter sich herzieht, ist die Anstrengung des Boliden nicht erwähnenswert.

 

Mit 100 km/h bewegen sich Güterzüge in der Schweiz, im Vergleich zu bis zu 200 km/h schnellen Personenzügen, verhältnismässig geruhsam durch die Landschaft. Und wenn dann noch ETCS L2-ausgestattete Strecken – wie zum Beispiel der Gotthard-Basistunnel – befahren werden, können Lokführer wie Marcel Franck ihr Gefährt äusserst vorausschauend steuern. Das Sicherungssystem stellt die Streckenabschnitte und die Signalbegriffe übersichtlich auf einem Display im Führerstand dar und begeistert den Lokführer damit sehr.

 

Die Liste der Negativ-Punkte bei der Vectron ist für den leidenschaftlichen Lokführer gering. Damit die Beine des Hünen unter dem Führerstandstisch der Vectron Platz haben, muss Marcel Franck den Sitz ganz nach unten fahren. In diesem Zustand funktioniert die eigentlich hervorragende Luftfederung seines Sitzplatzes allerdings nicht mehr. Dieses Manko ist Siemens bekannt und Lösungen sind bereits in Arbeit.

Die Zukunft von SBB Cargo International 

Amedeo Coletti erklärt „Das Ziel der Geschäftsleitung ist profitables Wachstum. Die aktuelle Laufleistung der Lokomotiven soll daher stark erhöht werden, um einen Beitrag an die Effizienzsteigerung zu leisten. Seiner Meinung nach ist dies mit dem aktuell verfügbaren Rollmaterial nicht möglich, da nur sehr wenige Lokomotiven der SBB Cargo International-Flotte technisch in der Lage sind, über vier Ländergrenzen hinweg zu fahren. Dies macht in Basel jeweils zeitaufwendige Lok-Wechsel nötig.

 

Im sogenannten Zweikreismodell befahren die einen Lokomotiven den Süden und die anderen den Norden. Eine signifikante Zeitersparnis bringen Mehrsystem-Lokomotiven, die länderübergreifend in der Schweiz, Deutschland, Italien und in den Niederlanden verkehren können.

„Die 20 neuen Vectron-Lokomotiven, deren Auslieferung im Dezember begonnen hat, können Strecken länderübergreifend befahren. Der Schritt in die richtige Richtung ist gemacht.“ – zumindest, wenn es nach Amedeo Coletti geht.

 

Domenic Fried, Leiter Rolling Stock Siemens Mobility AG steht in engem Kontakt mit SBB Cargo International und ergänzt die Aussage von Amedeo Coletti „Wir schätzen die professionelle und überaus partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Schweizer Transportdienstleister sehr. Es macht uns stolz, dass wir ein fortschrittliches Unternehmen wie die SBB Cargo International zu unseren Kunden zählen dürfen.“