Automatisches Ticketing: Busfahren ohne Fahrschein

Öffentliche Verkehrsmittel nutzen, ohne sich Gedanken über den Fahrschein zu machen: Dank einer neuen Ticketing-Möglichkeit ist das einfacher denn je. In Osnabrück funktioniert die App seit Anfang dieses Jahres in der kompletten Flotte der Linienbusse im erweiterten Testbetrieb. Der Livegang für die Öffentlichkeit steht kurz bevor. Die Software berechnet den günstigsten Preis für alle Fahrten in einer Woche. Die dabei gesammelten Daten werden DSGVO-konform gehalten und sind absolut sicher.

Wenn Maik Blome morgens in einen Linienbus der Stadtwerke Osnabrück steigt, um in die Arbeit zu fahren, muss er sich keine Gedanken über die Fahrkarte machen. Obwohl der Abteilungsleiter Marketing und Vertrieb bei den Stadtwerken Osnabrück (SWO) kein herkömmliches Ticket gekauft hat, kann er fahren und umsteigen soviel er möchte. Denn bei Beginn der Reise hat er sich mit einem Wisch über sein Smartphone eingecheckt. Die App, die er installiert hat, erkennt ab diesem Wisch automatisch, welche Verkehrsmittel er nutzt. 15 Minuten nach Verlassen eines Verkehrsmittels checkt sie ihn automatisch aus.

 

Was Maik Blome auf alltäglichen Busfahrten durch seine Heimatstadt erlebt, ist eine Premiere in Deutschland und ein Quantensprung im Bereich des sogenannten Ticketings im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Seit Mitte Januar 2020 ist es den Mitarbeitern der Stadtwerke Osnabrück in allen rund 150 Bussen nebst sieben Anhängern der Osnabrücker Flotte möglich, zu fahren, ohne vorab einen Fahrschein zu lösen. Wer in einen Bus einsteigt, muss nur eine App auf seinem Smartphone aktivieren. Bald wird dieser Komfort auch für die Öffentlichkeit möglich sein. 

 

Auch nach dem Aussteigen muss sich der Fahrgast nicht mehr mit dem Fahrscheinthema beschäftigen. Die App bemerkt automatisch, dass er seine Fahrt in einem öffentlichen Verkehrsmittel beendet hat und draußen ist („Be-out“). Im Nachhinein errechnet die App dann wochenweise den besten Ticketpreis und rechnet monatlich ab. Im Fachjargon wird eine solche Technologie als „Check-in/Be-out (CiBo) Ticketing-System mit Bestpreis-Abrechnung“ bezeichnet: Beim Betreten des Verkehrsmittels checkt sich der Fahrgast mit einem Wischen auf seinem Smartphone ein (Check-in). Wenn er umsteigt oder seine Fahrt beendet, erfasst das Ticketing-System dies automatisch.

Neuer Komfort für Fahrgäste

Für unsere jährlich rund 35 Millionen Fahrgäste auf unseren Buslinien bietet die App einen völlig neuen Komfort.
Maik Blome, Abteilungsleiter Marketing und Vertrieb bei den Stadtwerken Osnabrück (SWO)

Im Moment testen seine Mitarbeiter das System im Live-Betrieb und bereiten damit den großen Start für die Öffentlichkeit vor. „Der Fahrgast muss dann nie wieder rätseln, ob das Einzel-, Tages- oder Wochenticket am günstigsten wäre“, beschreibt Blome die Vorzüge der Anwendung.

 

Die dahinterliegende Technik stammt von Siemens Mobility, eos.uptrade und HaCon, beide Mitglieder der Siemens-Mobility-Familie sowie vom Software-Unternehmen highQ Computerlösungen. Ist die App auf dem Smartphone installiert, sammelt diese nach dem Check-in verschiedene Daten über die Sensorik des Gerätes und schickt diese Daten an das Hintergrundsystem zur Fahrten- und Preisbildung. Ergänzend erkennt das Smartphone die in den Bussen verbauten Bluetooth-Sender. Sie ermöglichen, dass das System zwischen Bus- und Autofahrten unterscheiden kann. „Das System nutzt Bluetooth Low Energy (BLE),“, erklärt Mathias Hüske, Geschäftsführer von eos.uptrade. „Der Akku des Smartphones wird von der App also nicht übermäßig strapaziert.“

IoT-Kompatibilität

In einfachem Umfeld reicht laut Hüske die Smartphone-Sensorik in Kombination mit lernenden Algorithmen aus. Die Stadtwerke Osnabrück hätten sich zusätzlich für sogenannte Beacons entschieden, um noch mehr Genauigkeit garantieren zu können: Insgesamt wurden 301 Stück verbaut: „Das sind Bluetooth-Sender mit geringem Energieverbrauch die – ähnlich wie Rauchmelder – an der Infrastruktur angeklebt werden und mit Bordstrom versorgt werden. In Zukunft könnte auch über den Einsatz von Beacons nachgedacht werden, die mit Batterien ausgestattet sind, die mehrere Jahre halten“, erklärt Hüske. Die Beacon-Signale erhöhten die Qualität der Fahrtenerfassung durch die Smartphone-Sensorik. Das sei insbesondere bei komplexen Infrastrukturen notwendig, etwa, wenn Haltestellen nah beieinander liegen oder sich unterschiedliche Linien überlagern.

„Mit Beacons ist die Technologie perspektivisch auch in ein umfassenderes IoT-System von Infrastrukturen integrierbar“, so Hüske weiter. „Es ist der Einstieg in eine Welt der intermodalen Mobilität, in der wir Verkehrsmittel wechseln können, ohne uns Gedanken zu machen und in der es nebensächlich wird, mit welchem Verkehrsmittel der Kunde reist.“

Algorithmen berechnen den besten Preis

Der Fahrgast erhält nach dem Check-in eine elektronisch prüffähige Fahrtberechtigung in Form eines Aztec-Barcodes, welche er bei einer Kontrolle vorzeigen kann. Die während der Fahrt ermittelten Positions- und Bewegungsdaten werden zu Fahrten oder ganzen Reiseketten zusammengesetzt. Aus den hierfür eigentlich erforderlichen einzelnen Fahrkarten berechnet der Bestpreis-Algorithmus die günstigste Kombination - je nachdem welche Strecken der Fahrgast in welchem Zeitraum wie oft genutzt hat.

 

Hüske betont die wertvollen Entwicklungen der Corporate Technology von Siemens, der konzerneigenen globalen Forschung und Entwicklung, für die Algorithmen und Beacons. Bei den Algorithmen, mit denen aus den Daten von Sensoren im Smartphone und Beacons in den Bussen Fahrten von Passagieren erkannt und – beim Wechsel des Verkehrsmittels – zu Reisen zusammengesetzt werden, seien die Erkenntnisse mittlerweile mit jenen von HaCon zusammengeführt worden. Sie würden zukünftig in einer vereinten Lösung zum Einsatz kommen.

 

Das weltweit erste System mit einer Be-in/Be-out-Lösung, die innovativste Form des XiXo Portfolios, war bereits seit April 2018 in der Schweiz im Echtbetrieb und hat laut eos.uptrade seine Praxistauglichkeit bewiesen. Die Weiterentwicklung finde nun bei HaCon, eos.uptrade und Siemens Mobility statt, erklärt Hüske, „weil sich das Thema aus der Forschungs- in die reguläre Innovations- und Entwicklungsphase bewegt hat“.

 

Einfache Integration und Skalierbarkeit

Mathias Hüske spürt großes Interesse an der Technologie und führt das auf die Einfachheit für die Betreiber öffentlicher Verkehrsnetze zurück: „Es ist sicher und leicht integrierbar.“ So blieben Daten und Schnittstellen im Besitz der Komponente des Verkehrsunternehmens. Die umfangreichen Reportings, Tracking-Daten und Analyse-Optionen entsprechen den Richtlinien der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Die Technologie lässt sich laut Hüske schnell, kostengünstig und nahtlos in bereits bestehende Apps und Systemlandschaften im ÖPNV implementieren. Und sie sei skalierbar: „Technisch können wir alle Kombinationen aus Check-in, Check-out, Be-in und Be-out anbieten und diese auch nachträglich erweitern.

11.05.2020

Bildrechte: Siemens Mobility

 

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