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Das Leuchten in den Augen wecken - Train2Brain

Die digitale Transformation in unserer Branche erfordert Menschen mit analoger und digitaler Kompetenz. Entsprechende Fachkräfte werden jedoch zunehmend rar. Dr.-Ing. Markus Pelz berichtet, wie er mit der Initiative „Train2Brain “ bei jungen Menschen erfolgreich Interesse für eine Tätigkeit im Bahnsektor weckt.

Die nächste Generation tickt fundamental anders

Haben Sie schon einmal von der Generation Alpha gehört? So nennen Sozialforschende und Marketingkreise die Generation der nach 2010 Geborenen. Angehörige dieser Generation wachsen in einer Welt auf, die sich fundamental vom kindlichen Lebensumfeld ihrer Eltern unterscheidet. Digitale Technik begleitet sie von Geburt an, sie lernen scrollen, bevor sie sprechen lernen und sind nicht nur „Digital Natives“, sondern vielmehr „Online Natives.“ Selbst ihr Spielzeug ist in wachsendem Maße vernetzt, und sprachgesteuerte digitale Assistenten wie Siri gehören ohnehin zum Alltag.


Welche Folgen das hat, erklärte mir neulich ein Lehrer während eines persönlichen Gesprächs: „Viele Kinder und Jugendliche leben inzwischen in einer komplett digitalen, die reale Welt nur unzureichend abbildenden Blase. Sie haben keine Ahnung davon, dass der überwältigenden Produktvielfalt in den Supermärkten und Online-Shops in jedem Einzelfall konkrete Berufe vorgelagert sind. Sie wissen nicht einmal, dass es den Beruf des Bäckers gibt.“

Auch die soziale und kulturelle Interaktion unter jüngeren Menschen wird inzwischen spürbar von dieser digitalen Blase geprägt. Kommunikation spielt sich zunehmend im virtuellen Räumen ab, Interessen, Communities und digitale Tribes wechseln dabei fließend und häufig, das Bindungsempfinden ist weniger intensiv.

Digitaler Wandel trifft demografischen Wandel

Damit hat eine Entwicklung, deren Ansätze schon bei den Angehörigen der Vorgängergenerationen, den Millenials und der Generation Z, zu beobachten war, eine neue Stufe erreicht, und die Folgen sind spürbar: Sie äußern sich in den Nachwuchsproblemen von Vereinen und sozialen Organisationen ebenso wie in immer geringerer Loyalität gegenüber Arbeitgebern. Es also wird spürbar schwieriger, junge Menschen zu erreichen und auf längere Sicht zu begeistern. Zeitgleich wandelt sich der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt: Über viele Jahre hinweg werden mehr Arbeitskräfte in Altersrente gehen als Berufseinsteigende in den Arbeitsmarkt nachrücken.

In unserer Branche wird rund ein Drittel aller qualifizierten Mitarbeitenden innerhalb der nächsten 10 Jahre in den Ruhestand treten – ein erheblicher Verlust an praktischer Erfahrung und gewachsenem Know-how. Gleichzeitig sehen wir uns einem schrumpfenden Talentpool gegenüber, während die Anzahl an Projekten steigt. Unsere Branche wird also zunehmend um die Gunst der künftigen Mitarbeitenden werben müssen.

Auf der anderen Seite haben sich infolge der fortschreitenden Digitalisierung auch in der Bahnindustrie viele Berufsbilder innerhalb weniger Jahre fundamental verändert. Es sind sogar komplett neue High-Tech Berufe entstanden, deren Inhalte allerdings außerhalb von Fachkreisen weitgehend unbekannt sind. Entsprechend überrascht zeigen sich die meisten Menschen darüber, dass die Bahnindustrie inzwischen beispielsweise ein attraktives Betätigungsfeld für IT-Fachkräfte und Datenspezialisten ist.

Attraktivität erfordert ausreichende Sichtbarkeit

Zudem sind viele Schülerinnen und Schüler bei der Berufswahl trotz – oder möglicherweise wegen – der vielfältigen neuen Möglichkeiten und Berufsbilder weitgehend orientierungslos. Sie fühlen sich bei der Berufswahl eher schlecht beraten, wie eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung vom Juli 2022 belegt.

Aufgrund all dieser Faktoren interessieren sich derzeit außerordentlich wenige junge Menschen für einen Beruf im Bahnsektor. Dies wiederum führt inzwischen zu einer Ausdünnung der Lehrangebote im Hochschulbereich – ein Teufelskreis. Was können wir also im eigenen Interesse tun, um gegenzusteuern, damit unsere Branche künftig im „war for talents“ ausreichend punkten, die absehbarere Personallücke schließen und auch weiterhin Wachstum und Innovation sichern kann?

Ich halte es für essenziell, dass wir so früh wie möglich in Kontakt mit potenziellen Mitarbeitenden der Zukunft treten, die vielfältigen Karrierewege und Chancen in unserer Branche aufzeigen und in eine praxisbezogene, authentische Berufsorientierung investieren. Kurzum: wir müssen offensiv an unserer Sichtbarkeit arbeiten. Dazu müssen wir, wenn es zunächst auch etwas abgedroschen klingen mag, den Nachwuchs dort abholen, wo er sich befindet: selbstredend im tertiären Bildungsbereich, mit längerfristiger Perspektive aber vor allem in der Schule.

Unsere Initiative: mit konkreten Lernangeboten begeistern

Aus diesem Gedanken heraus ist vor etwa drei Jahren unsere Initiative „Train2Brain“ entstanden. Etwa zehn Personen beschäftigen sich inzwischen neben ihrer alltäglichen Arbeit und mit Unterstützung des Managements am Standort Braunschweig mit der Nachwuchsförderung. Unter dem Motto „die Bahn der Zukunft“ haben wir eine Reihe konkreter, weitgehend standardisierter und einfach adaptierbarer Lernangebote entwickelt. Mit diesem Angebotspaket treten wir an die Schulen im Umkreis unseres Standorts heran. Unsere Initiative hat sich schnell herumgesprochen, wir sind mittlerweile jährlich an rund 10 bis 15 Schulen präsent und können inzwischen tatsächlich nicht mehr alle Anfragen von Schulen und Lehrenden bedienen. In einer oder zwei Unterrichtsstunden zeigen wir direkt im Klassenraum, wie der moderne Schienenverkehr funktioniert und welche beruflichen Chancen sich durch den digitalen Wandel im Bahnsektor ergeben.

Daneben bieten wir tageweise Exkursionen an, bei denen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise während einer Projektwoche einen Blick hinter die Kulissen des Bahnbetriebs werfen können, indem sie ein echtes Stellwerk und eine Fahrt im Zugsimulator erleben oder bei uns im Werk selbst eine Baugruppe zusammenlöten dürfen.

Wir haben für die einzelnen Lernangebote sowohl klare Lernziele als auch eine stimmige Methodik und Didaktik erarbeitet. Gruppenarbeitsphasen und interaktive Elemente spielen eine zentrale Rolle, denn Kinder lernen besonders gut durch aktives Tun und durch Anfassen, Deshalb bringen wir einiges mit ins Klassenzimmer, etwa einen für Digital Track Services eingesetzten Laserscanner, eine Balise, Teile einer ETCS-Onboard-Unit, Relais, Platinen und nicht zuletzt ein Stück echte Schiene.

Außerdem haben wir Spielzeug dabei: Mithilfe einer Brio-Eisenbahn wird spielerisch und sehr plastisch klar, was nötig ist, damit ein Zug für alle sicher von A nach B kommt, warum Züge an Bahnübergängen Vorrang haben oder welche Vorgänge im Bahnbetrieb Verspätungen auslösen können. Gleichzeitig vermitteln wir authentisch aus erster Hand, wie viel verborgene zukunftsweisende Technik im Bahnsystem steckt und warum die Bahn ein für das Funktionieren unserer globalen Wirtschaft überaus wichtiges und für die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft unabdingbares Verkehrsmittel ist.

Um sich bei uns zu bewerben, muss man wissen, dass es uns gibt

Wir können also mit unserer Präsenz an den Schulen gezielt ein Kernproblem bei der Nachwuchsgewinnung für unsere Branche angehen: Ein gut funktionierendes Bahnsystem wird in unserer Gesellschaft stillschweigend vorausgesetzt. Gleichzeitig ist das Wissen um die Arbeit hinter den Kulissen in den jüngeren Jahrgängen erschreckend gering – Stichwort digitale Blase. Dementsprechend wenigen Menschen sind die vielfältigen beruflichen Perspektiven, die unser Industriesektor bietet, bekannt.

In dem Moment jedoch, in dem die Kinder entdecken, welches äußerst komplexe System in jedem Einzelfall hinter der scheinbar profanen Online-Buchung eines Tickets und der anschließenden Fahrt an das gewünschte Ziel steht, entsteht spontane Begeisterung und es tritt dieses besondere Leuchten in die Augen der Schülerinnen und Schüler.

Hier schlagen wir die Brücke zur Nachwuchsförderung: Plötzlich wirkt unser Arbeitsumfeld enorm spannend, und wir können weit vor der Entscheidung für eine Berufsrichtung, eine Branche oder sogar ein Unternehmen die vielen Ausbildungsberufe und Studienrichtungen rund um die Zukunft des Bahnsystems veranschaulichen. Gleichzeitig illustrieren wir mit unseren eigenen Biografien, dass der Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums keineswegs den gesamten beruflichen Lebensweg vorzeichnet, sondern zahlreiche verschiedene Rollen und Funktionen eine neigungs- und interessenorientiere Entwicklung und Karriere ermöglichen.

Nachwuchsförderung geht uns alle an

Gewiss wecken wir lediglich bei einzelnen Kindern und Jugendlichen sofort den festen Wunsch, zu uns zu kommen. Dennoch zahlen sich unsere Aktivitäten aus – nicht zuletzt, weil Begeisterung für ein Thema immer ein Element der Multiplikation birgt. Wir können nachvollziehbar belegen, dass „Train2Brain“ zu einer Zunahme der Bewerbungen für die verschiedenen Ausbildungsberufe bei Siemens Mobility am Standort Braunschweig geführt hat.

Die Problematik der mangelnden Sichtbarkeit und des schrumpfenden Talentpools bei gleichzeitig steigendem Aufgabenvolumen betrifft jedoch die gesamte Bahnindustrie. Daher sind alle Unternehmen gefordert, auf ihre Weise systematische und permanente Nachwuchsförderung zu betreiben. Wir können alle dazu beitragen, Begeisterung für die Bahn als Verkehrsmittel sowie für eine berufliche Zukunft in der Bahnindustrie zu wecken.

Dr.-Ing.Markus Pelz ist bei Siemens Mobility Vertriebsleiter für den Bereich Berlin und Leiter der Vertriebskommunikation Rail Infrastructure Deutschland Mainline. Er studierte Verkehrsingenieurwesen an der TU Dresden und diplomierte mit einer Arbeit im Bereich der Leit- und Sicherungstechnik. Danach war er mehrere Jahre am Institut für Verkehrssystemtechnik des DLR tätig und wurde zeitgleich mit seiner Dissertation zur „Optimierung der Bahnübergangssicherung für bedarfsgesteuerte Schranken“ an der TU Braunschweig promoviert. Seit 2013 ist Dr.-Ing. Markus Pelz externer Lehrbeauftragter für das Modul Gestaltung der Bahnsysteme im internationalen Vergleich an der FH Erfurt. Er vertritt Siemens Mobility in Fachgremien, berichtet als Redner und Referent vor verschiedenem Publikum von Historie und Innovation im Bahnumfeld und engagiert sich leidenschaftlich für die Nachwuchsförderung in Hochschulen, Schulen und Kindergärten.