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ERTMS für die Gjøvik Line: Eine Projektmanagerin gibt Einblicke

Die Gjøvik Line Nord ist die erste norwegische Eisenbahnlinie, die ausschließlich mit digitaler Signaltechnik betrieben wird. Wie fühlt sich das neue ERTMS-System als Fahrgast an? Begleiten Sie Hilde Marie Schade Flå, Projektmanagerin für Siemens Mobility Norway, auf ihrer Fahrt nach Gjøvik, um exklusive Einblicke in das monumentale Projekt zu erhalten.

Eine Umstellung, die fast unsichtbar ist

Es ist ein normaler Samstag. Hilde Marie parkt ihr Auto am Bahnhof Lunner, wo die Temperaturen im norwegischen Winter oft -15°C oder weniger erreichen. Sie und ihre Kinder purzeln aus dem Auto und laufen zum Bahnsteig. Über das Wochenende besuchen sie Freunde, die entlang der Gjøvik Line wohnen. Sie schauen aus dem Zugfenster, fasziniert von der Natur. Hilde Marie fallen sofort die gelb-blauen Markerboards auf, wo bis vor Kurzem noch Signale standen. „Man kann kaum sehen, dass die Linie auf ERTMS umgestellt wurde“, denkt Hilde Marie. Aber sie weiß genau, wie viel Arbeit es war.

Wie alles begann

Hilde Marie Schade Flå ist kein gewöhnlicher Fahrgast. Die lebhafte junge Frau ist seit 12 Jahren Teil des ERTMS-Projekts.

„Nachdem ich meinen Master in Technical Cybernetics and Real-Time Systems abgeschlossen hatte, musste ich mich entscheiden, was ich als nächstes tun wollte. Ich wusste, dass ich weder in der Öl & Gas-, noch in der Rüstungsindustrie arbeiten wollte. Ich wollte zu etwas Großem beitragen, das das Leben von Menschen verändert“, erinnert sich Hilde Marie.

Sie bewarb sich als technische Ingenieurin bei Jernbaneverket, heute Bane NOR, um am Roll-Out eines komplett neuen Signaltechniksystems zu arbeiten: das ERTMS-Projekt. Sie hat miterlebt, wie das Projekt, entstanden aus Konzepten, Kostenschätzungen und Verträgen, Wirklichkeit wurde. Und dann wechselte sie vom Kunden zum Zulieferer: Seit 2020 arbeitet sie bei Siemens Mobility an dem Projekt.

Als ich Projektmanagerin bei Siemens Mobility wurde, fand ich mich plötzlich in der Situation wieder, dass ich die Anforderungen, die ich auf Kundenseite selbst geschrieben hatte, nun erfüllen musste. Ich stehe mir jetzt eigentlich selbst gegenüber.

Hilde Marie Schade Flå

Über das Projekt

Die Gjøvik Line Nord erzählt eine beeindruckende Modernisierungsgeschichte: Vor der Umstellung auf ERTMS im November 2024 klagten Fahrgäste oft über die üblichen Probleme: Züge, die nur alle zwei Stunden fuhren, wetterbedingte Verspätungen und Herausforderungen im Betrieb. Heute wird dieselbe Bahnlinie zuverlässig auf ETCS Level 2 betrieben, bietet stündliche Abfahrten sowie verbesserte Betriebsstabilität und -verfügbarkeit verglichen mit herkömmlicher Signaltechnik.

Aber dies ist nur der erste Schritt in einer landesweiten Umstellung auf ERTMS. Wenn der Übergang vollständig vollzogen ist, werden alle Bahnlinien Norwegens mit ERTMS betrieben.

Siemens Mobility setzt ein umfangreiches Infrastrukturnetzwerk auf, ersetzt alle Signalkomponenten, modernisiert Bahnhöfe und implementiert ein zentralisiertes Stellwerksystem.

Eine herausfordernde Reise

Die Durchführung eines komplexen Projektes beinhaltet Herausforderungen, nicht nur während der Implementierung. Das neue Equipment musste sorgfältig getestet werden. Hilde Marie erklärt: „Wir haben einen Test über vier Jahreszeiten hinweg durchgeführt. Das gesamte Equipment wurde an verschiedenen Orten im ganzen Land installiert – einige sehr warme, einige sehr kalte, sehr windige und andere dicht am Meer – und für ein ganzes Jahr getestet.“

Salzwasser und Dunst können die Elektronik in den Komponenten beeinflussen, ebenso die Temperatur, die zwischen -40°C und +40°C variieren kann. Als besonders herausfordernd stellte sich jedoch der Wind heraus.

„Es war sehr gut, dass wir diese Tests durchgeführt haben. So konnten wir sämtliche Probleme vor dem Rollout beheben.“, sagt sie und lacht.

Und von diesen Tests profitiert nicht nur Siemens Mobility Norwegen, sondern auch Kunden weltweit. Das überarbeitete und optimierte Equipment wurde inzwischen an vergleichbare Umweltbedingungen rund um den Globus angepasst.

Schulung als Schlüssel zum Erfolg

Mit neuem Equipment und der Umstellung auf eine neue Technologie geht ebenfalls die Notwendigkeit einher, das Personal im Umgang mit dem neuen System zu schulen. Für die vollständige Implementierung müssen mehr als 6000 Mitarbeitende Fortbildungen zu Betrieb und Wartung des neuen Systems erhalten. Zu diesem Zweck wurde ein einzigartiges Schulungszentrum geschaffen, um das Personal Bahnstrecke für Bahnstrecke auszubilden.

„Für die Gjøvik Line Nord wurden 300 Mitarbeitende am Campus Nyland in Oslo geschult“, sagt Hilde Marie. „In unserem zentralen Schulungszentrum haben wir das gesamte Equipment vor Ort, sodass wir alle an den echten Komponenten ausbilden können, statt nur Abbildungen in Handbüchern zu zeigen.“

Wie wir den Erfolg des neuen Systems messen? Wenn wir nichts von den Passagieren oder dem Wartungspersonal hören, sind das gute Nachrichten.

Hilde Marie Schade Flå

„Wenn ein Signalfehler passiert, wird oft in den Nachrichten darüber berichtet. Und Fahrgästen fallen diese auch auf, wenn sie Verspätungen verursachen“, fährt Hilde Marie fort. „Deshalb werden die Passagiere das neue System vor allem über weniger Verspätungen erleben.“

Wenn Passagiere genau hinschauen, könnten ihnen die fehlenden Signale auffallen – aber der Haupteindruck wird sein, dass alles reibungslos läuft. Die Gjøvik Line Nord stellt dies bereits seit der Inbetriebnahme im November 2024 unter Beweis: Das System hat schon jetzt die Pünktlichkeit verbessert und Kapazitäten erhöht. Und je mehr Linien den Betrieb aufnehmen, desto mehr Fahrgäste sammeln positive Erfahrungen mit dem neuen System.

Erste Schritte Richtung Zukunft

Die Gjøvik Line ist nur der erste Schritt in der Digitalisierung des gesamten norwegischen Schienennetzes. „Durch das Projekt habe ich einen komplett neuen Respekt vor großen Infrastrukturprojekten entwickelt“, sagt Hilde Marie.

Sie freut sich auf die Fortsetzung. „Bei Siemens Mobility haben wir viele kluge Köpfe, wir haben Erfahrung im Umgang mit schwierigen Voraussetzungen. Unsere Fähigkeit, uns an neue Technologien anzupassen und mit den Herausforderungen, die auf dem Weg aufkommen, umzugehen, verschafft uns einen großen Vorteil“, erklärt sie abschließend, als der Zug in den Bahnhof einfährt. Pünktlich.

Die Gjøvik Line Nord in Zahlen

der Gjøvik Line mit ERTMS ausgestattet

zentrales Stellwerksystem

Balisen

Weichen

Achszähler

Kapazitäten gesteigert